Biografie Ernest Manheim
d.i. Ernö Manheim, seit 1920 Ernst Manheim, seit 1934 und offiziell seit 1943 Ernest Manheim
*Budapest 27. Jänner 1900
amerikanischer Soziologe, Anthropologe und Komponist österreichisch-ungarischer Herkunft


Zweites von zwei Kindern des Kaufmanns József (Joseph) Manheim (1863-1925) und Hermine, geborene Wengraf (1870-1953; später verheiratete Déri). Zweisprachig (ungarisch, deutsch) aufgewachsen. Gymnasium in Budapest IV.; Matura 1917. 1917 bis 1918 in der ungarischen Armee; gleichzeitig Studium der Chemie an der Technischen Hochschule Budapest. 1918 bis 1919 Studium der Chemie und Mathematik an der Universität Budapest. 1919 Freiwilliger in die Armee der ungarischen Räterepublik; Kriegsgefangenschaft und Flucht aus dem rumänischen Lager. Anfang 1920 Flucht nach Wien.

1920 bis 1923 in Wien. 1920 bis 1923 Studium der Chemie und Physik, dann der Philosophie und Geschichte an der Universität Wien. Dazwischen November 1921 bis Juni 1922 in Schwaz in Tirol, währenddessen formell an der Universität Innsbruck inskribiert.

1923 bis 1925 in Kiel. 1923 bis 1925 Studium der Philosophie (daneben auch Soziologie und Volkswirtschaft) an der Universität Kiel; folgte 1925 seinem Lehrer Hans Freyer (1887-1969), den er 1923 kennen gelernt hatte, nach Leipzig.

1925 bis 1933 in Leipzig. 1925 bis 1927 Studium der Philosophie an der Universität Leipzig; 1928 Promotion zum Dr. phil. aufgrund der Dissertation "Zur Logik des konkreten Begriffs" bei Theodor Litt (1880-1962) und Hans Freyer. 1926 bis 1933 Assistent ohne Etat bei Hans Freyer und 1929 bis 1932 Lektor an der Universität Leipzig. Außerdem 1926 bis 1933 Lehrer an der Volkshochschule in Leipzig.

1928 Ehe mit der Lehrerin Anna Sophie, geborene Vitters (in den USA: Ann Sophy Manheim; *Osnabrück 1900, (†Kansas City, Missouri 1988), 1929 Dr. phil. und in London Certificate in Industrial Psychology; ein Sohn: Tibor Franz Dietrich (in den USA: Frank Tibor) Manheim (*Leipzig 1930), Dr. phil., Geochemiker.

1931 bis 1932 eineinhalbjähriges Stipendium der August-Stern-Stiftung für seine Habilitationsschrift "Die Träger der öffentlichen Meinung". Juni 1932 Beginn des Habilitationsverfahrens bei Hans Freyer. Im März 1933 als Ausländer und Jude von der Universität entlassen. Abbruch des Habilitationsverfahrens durch "freiwilligen" Rückzug des Habilitationsantrags durch Ernest Manheim am 28. März 1933.

1933 mit seiner Familie vorübergehend in Budapest.

1933 bis 1937 in London. 1934 bis 1937 Studium der Soziologie und Anthropologie an der University of London; 1937 Ph.D. (Anthropology) bei Morris Ginsberg (1889-1970), Bronislaw Malinowski (d.i. Bronisaw Kaspar Malinowski; 1884-1942) und seinem Cousin Karl Mannheim (d.i. Károly Mannheim; 1893-1947) aufgrund der Dissertation "Security, Authority, and Society: An Ethnological Introduction into Sociology". Daneben 1935 bis 1937 bei Karl Mannheim als Assistant an der London School of Economics and Political Science und am Institute of Sociology der University of London; außerdem 1935 bis 1936 mit einem Stipendium des "Jewish Professional Committee" Arbeit an der Studie über das "Authoritarian Element in the Family" für das Frankfurter Institut für Sozialforschung.

1937 kurzer Aufenthalt in New York und in Budapest.

Im Juli 1937 endgültige Übersiedlung in die USA; 1943 amerikanischer Staatsbürger.

1937 bis 1938 in Chicago, Illinois. 1937 bis 1938 Assistant Professor of Sociology an der University of Chicago in Chicago, Ill.

Seit August 1938 in Kansas City, Missouri, wo er noch heute lebt. Seit 1938 Mitglied der University of Kansas City (seit 1968: University of Missouri) in Kansas City, Missouri: 1938 bis 1940 Rockefeller-Forschungsstipendiat, 1940 bis 1945 Associate Professor of Sociology, 1948 bis 1970 Professor of Sociology und Chairman des Department of Sociology (Aufbau der Abteilung). 1958 wurde für ihn der "Henry Haskell Chair of Sociology" geschaffen, den er bis 1991 als Lehrender innehatte. 1955 bis 1956 Fulbright Professor an den Universitäten Graz und Wien, 1960 bis 1961 Fulbright Professor an der Universität Teheran.

1991 Ehe mit der amerikanischen Psychologin kanadischer Herkunft Sheelagh Graham Bull, geborene Hope (*Oliver, Britisch Columbia 1943), B.A., Ph.D., Psychotherapeutin.

1997 Großes Bundesverdienstkreuz für Wissenschaft und Forschung. 1998 Benennung des Soziologiegebäudes an der University of Missouri, Kansas City, in "Ernest Manheim Hall".

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch als Komponist tätig. Besuch der Konservatorien in Budapest und Wien. Komponierte unter anderem "Quintett für Flöte, Violine, Viola, Cello und Laute" (1922), Eingangsmusik zum chinesischen Drama "Der Kreidekreis" nach der Bearbeitung von Klabund (d.i. Alfred Henschke; 1890-1928), uraufgeführt im University of Kansas City Playhouse im Dezember 1949, und die "Symphony in B Minor", uraufgeführt in der City Hall von Kansas City im Dezember 1950. Außerdem Hobbymusiker, spielte während seines Londonaufenthalts Geige im Orchester der University of London.

Weitere biografische Informationen siehe Reinhard Müller: Ernest Manheim (geb. 1900). Soziologe und Anthropologe, in: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich. Newsletter (Graz), Nr. 13 (Juni 1996), S. 3-6.
Weitere biografische Informationen siehe Reinhard Müller: Ernest Manheim als Komponist. Ein Nachtrag, in: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich. Newsletter (Graz), Nr. 19 (Dezember 1999), S. 31.
Sonderheft zum 100. Geburtstag von Ernest Manheim: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich. Newsletter (Graz), Nr. 19 (Dezember 1999), S. 3-31.


Graz, im Dezember 1999
Reinhard Müller

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